Dieses ständige Streben nach mehr
- 12. März
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 16. März

Spürst auch du manchmal eine laute oder leise innere Unzufriedenheit, weil der Punkt, an dem du in deinem Leben stehst, sich noch nicht nach „genug“ anfühlt? Noch nicht nach angekommen? Weil du noch mehr tun könntest, noch weiter kommen könntest im Leben? Noch mehr erreichen könntest – im Innen und im Außen?
Im Beruf, im Leben, in deiner ganz persönlichen Entwicklung, in (d)einer Beziehung…
Ich stellte mir lange die Frage, was es bedeutet, sein Leben wirklich auszufüllen. Sein Potential zu entfalten. Sich weiterzuentwickeln. Und noch tiefer: Vielleicht auch einen gewissen höheren Sinn zu erfüllen. Den Seelenauftrag zu erkennen und ihm zu folgen.
Immer wieder spürte ich die subtile Angst, ganz verschiedene Ebenen in meinem Leben nicht genug auszuschöpfen.
Und immer hatte ich das Gefühl, dass der Punkt, an dem ich gerade stehe, noch nicht genug ist. Dadurch entstand Druck. Stress. Ein ständiges Gefühl von Getrieben-Sein, das sich auf viele Bereiche in meinem Leben ausweitete…
In unserer Zeit scheint das „Mehr“ überall zu lauern. Mehr wachsen. Mehr verstehen. Mehr verwirklichen. Mehr aus sich machen.Viel zu schnell, ohne dass wir es bemerken, zieht uns diese Energie in ihren Bann und gibt uns das Gefühl, immer mehr erreichen zu müssen, entwickeln zu müssen, weiter kommen zu müssen.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Leistungsebene, um Karriere und um (mehr) Geldverdienen. Auch als Mutter oder Vater kann sich das Gefühl einschleichen, sich immer weiter optimieren zu müssen, Kinder maximal bewusst zu begleiten, die „richtige“ von vielen Haltungen zu verfolgen und weder sich selbst, noch eine Partnerschaft, noch den eigenen Beruf zu vernachlässigen.
Dazu gesellt sich unser Beziehungsanspruch. Optimalerweise wünschen wir uns eine Beziehung, die uns erfüllt, die uns glücklich macht, in der wir miteinander wachsen und uns weiterentwickeln. Vielleicht auch stolz auf das sein können, was wir uns aufgebaut und entwickelt haben.
Und seit einiger Zeit, dank Social Media & Co., wird sogar die eigene innere Entwicklung, das „Heilen und Wachsen“, zu einem Feld, in dem wir uns noch nicht weit genug fühlen könnten. Es gibt so unendlich viele, auch ganz wundervolle Angebote, durch die wir dies, das und jenes aufarbeiten könnten, um freier, reifer, selbstbewusster und „heiler“ zu sein.
Liebe Frau, lieber Mann, diese Bedürfnisse zu haben, ist völlig legitim, menschlich und auch wichtig. Es spricht gar nichts dagegen, Ziele zu verfolgen, Wünsche, die uns wichtig sind, zu realisieren und unser Leben auf gewissen Wertesäulen aufzubauen.
Doch viel zu oft entwickeln wir Leid, Druck und Stress auf diesem Weg und fühlen uns tief im Inneren wertlos, rastlos und nicht gut genug. Viel zu oft drängt etwas von innen, das unser Getrieben-Sein nährt und uns einfach nicht zur Ruhe kommen lässt. Unser tiefes Bedürfnis nach Anerkennung, Wertschätzung und Bestätigung wird berührt.
Wir beginnen, uns mit anderen zu vergleichen, die auf irgendeiner Ebene an einem Punkt stehen, der „weiter“ scheint als unser eigener.
Als ob es einen Zustand, ein Erreichen in der Zukunft gäbe, das uns das Gefühl gibt: Wenn ich das erreiche, bin ich glücklich…Dann fühle ich mich wertvoll…Dann bin ich angekommen…
Viele Jahre hielt ich diesen Zustand aus, ohne mir dessen wirklich bewusst zu sein. Ich habe ihn mal mehr, mal weniger gespürt. Es gab Phasen der Zufriedenheit und Phasen des Getrieben-Seins.
Doch irgendwann stellte sich mir eine stille, fast unbequeme Frage:
Was, wenn ich diesem inneren Drängen mein ganzes Leben lang folge – und trotzdem nie wirklich ankomme?
Im Laufe eines langen Lernprozesses las ich eines Tages ein Zitat von Eckhart Tolle, das mich sehr berührte. Es war fast wie ein Puzzlestück, das mir noch fehlte, um einen für mich wichtigen Prozess zur Erkenntnis werden zu lassen:
„Nicht was du tust, sondern wie du es tust, bestimmt, ob du dein Schicksal erfüllst.“
Etwas ging in mir auf. „Schicksal“ ist ein großes Wort, doch ich fühlte, worum es mir wirklich geht im Leben. Nämlich nicht darum, etwas Bestimmtes erreicht haben zu müssen – ganz egal was und auf welcher Ebene.
Es geht viel mehr darum: Wie bin ich jetzt?
Wie tue ich das, was ich heute und jetzt tue – genau an dem Punkt, an dem ich gerade stehe?Bin ich ständig unter Druck, unausgeglichen und gehetzt?Renne ich einem erstrebenswerten Zustand in der Zukunft hinterher und fühle mich im Heute noch nicht gut oder weit genug?
Lieber Mensch, ich möchte dir sagen: Es geht nicht darum, ob du irgendetwas erreichst. Im Innen oder im Außen. Es geht nicht darum, ob du gerade Erfolg hast oder nicht, ob du gerade vorankommst oder ob es sich still anfühlt.
Du kannst erreichen, entwickeln, weiterkommen. Du kannst Schritte gehen, die dir wichtig sind. Das bedeutet nicht, dass dir nun alles egal sein muss.
Doch Ankommen bedeutet nicht, etwas Bestimmtes erreicht zu haben. Ankommen bedeutet, egal an welchem Punkt du gerade in deinem Leben stehst, mit dir selbst in Verbindung zu sein. Bei dir zu sein. Dich selbst zu fühlen. Auch wenn sich genau das nicht immer gut anfühlt.
Ich verstand: Je präsenter ich jeden Tag mit mir selbst verbunden sein kann, desto mehr erfüllt sich mein Leben mit dem Zustand, nach dem ich mich sehnte.
Nichts im Außen kann mir das geben – selbst dann nicht, wenn ich alle Meilensteine erreichen würde, die ich in die Zukunft projiziere.
Nicht das Was wird mein Leben erfüllen. Sondern das Wie, mit dem ich es lebe.

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